PalliativNetz Osthessen

Gesundheitsreform

 

Zwischen Existenzängsten und Helfersyndrom:
Schmerztherapeuten vor dem Aus?

Provinzdesign 1/2006

Eigentlich sollte die Versorgung von Schmerzpatienten mit dem neuen Einheitlichen Bewertungsmaßstab EBM 2000plus besser werden, doch die Realität sieht anders aus. Zwar hat nun jeder Kassenpatient Anspruch auf eine Schmerzbehandlung, aber die Arzthonorare für die Therapie sind deutlich geringer als zuvor. Das hat fatale Folgen: erste Schmerzpraxen ziehen sich aus der Versorgung zurück, die Patienten bleiben auf der Strecke. Letztere melden sich jetzt lautstark zu Wort und versuchen, die „Notbremse“ zu ziehen.

Die Leistungen von Schmerztherapeuten sind im neuen EBM zu niedrig bewertet worden oder fehlen völlig, weiß Thomas Sitte, Facharzt für Anästhesiologie am Schmerz- und Palliativ-Zentrum Fulda. Er arbeitet mit vier weiteren Kollegen in einer Gemeinschaftspraxis in der Robert-Kircher-Straße. In den letzten Jahren haben die Mediziner von der Hoffnung auf Besserung gelebt, deshalb so manchen „dicken Brocken“ geschluckt und sich vor allem wegen der dankbaren Patienten motivieren können. Doch allmählich kommt das böse Erwachen. Die Kassenärztliche Vereinigung ist mit den Honorarzahlungen in Verzug.

Es ist Mitte Januar 2006 und die Ärzte warten auf die Honorare aus dem 2. Quartal 2005. Schätzungen zufolge könnten die Umsatzeinbußen in der Gemeinschaftspraxis bei bis zu 50 Prozent liegen. „Wenn wir halbwegs wirtschaftlich arbeiten wollen, dann dürften wir pro Quartal insgesamt 300 Schmerzpatienten behandeln, die nur einmal im Quartal zu uns kommen und genau 20 Minuten beanspruchen“, rechnet Sitte vor. Die Realität sieht aber anders aus.

In Schmerz- und Palliativ-Zentrum werden knapp 400 Patienten behandelt, die durchschnittlich alle zwei Wochen zur Therapie kommen und eigentlich viel mehr als 20 Minuten beanspruchen. Sitte: „Wir könnten doppelt so viele Patienten behandeln, aber das ist vom Budget her einfach nicht möglich.“ Fakt ist: die Ärzte können mit der Schmerztherapie nicht so weitermachen wie bisher. Wirtschaftliche Erwägungen rücken immer weiter in den Vordergrund, medizinische Notwendigkeiten geraten ins Hintertreffen. Konkret heißt das: „Die Patienten bleiben auf der Strecke“, so Sitte

Claus Buchhorn, selbst Schmerzpatient und Vorsitzender der "Notbremse", der Selbsthilfegruppe Chronischer Schmerz in Fulda, leidet wie fast alle Patienten unter den Folgen der neuen Honorare. Ihm geht es deutlich schlechter, denn er bekommt weniger Krankengymnastik und nur noch einmal in der Woche die schmerzstillende Infusion. Buchhorn und die Mitglieder der Selbsthilfegruppe fühlen sich nicht erst genommen und schlagen Alarm.

Der Unmut von Patienten und Ärzten wird bei Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigung registriert, aber ungern kommentiert. Auf Nachfragen bei den Krankenkassen hieß es: „Wir sind eigentlich nicht der richtige Ansprechpartner“, „Das ist ein Politikum“ oder „Da müssen Sie den Kollegen fragen, aber der ist nicht da.“

Eine konkrete Antwort auf die Frage, wie es in Zukunft weitergeht, blieb auch Dr. Beatrix Scheich-Hoffmann, Allgemeinmedizinerin und Schmerztherapeutin in Fulda, schuldig. „Ich weiß es nicht genau. Ich muss die Abrechnungen aus den vorherigen Quartalen abwarten, die Zahlen analysiere und dann entscheiden, was zu tun ist.“ Aufgeben will die Ärztin aber nicht: „Dafür macht mir mein Beruf viel zu viel Spaß und dafür waren auch die Weiterbildungen zu umfangreich.“ Sie sieht die Schmerztherapeuten in der moralischen Zwickmühle: Existenzängste einerseits, Helfersyndrom andererseits.

Und die Patienten? Sind in einer ganz verzweifelten Situation, denn eine Alternative ist nicht in Sicht.

© Schmerz & PalliativZentrum Fulda